Horror hat Probleme

Bevor ich angefangen habe Creepypastas zu hören (wir gehen weit zurück in das Jahr 2013, als ich noch nicht in meinen Zwanzigern war, unvorstellbar, oder?), habe ich mich schon lange für Horror interessiert. Ich bin als Kind mit der Gänsehautreihe von R. L. Stine aufgewachsen und habe auch ruhig mal ein ganzes dieser Bücher an einem Tag weggelesen. Horror hat mich seitdem immer begleitet.

X-Factor, das Unfassbare war eine zweite große Quelle an Horror, an die ich mich sehr genau erinnern kann (ich bin wohl nicht der Einzige, der in der Folge mit dem Spiegel verängstigt von dieser Fratze der Frau war). Als Jugendlicher habe ich dann zum ersten Mal Hostel gesehen, der glaube ich, der erste richtige Horrorfilm war, den ich gesehen habe. Vielleicht war es auch Saw, ich bin mir nicht sicher. Irgendwann hatten sich Horrorfilme mehr oder weniger abgenutzt, aber dann hörte ich Creepypastas und habe mich wieder richtig stark gegruselt, zumindest am Anfang. Und dann entschied ich mich, selbst Horror zu schreiben.



Aber warum Horror? Warum Horror für mich? Wie manch einer weiß, habe ich dutzende mehr oder weniger starke Ängste und vermeide viele starke Ängste. Ich spiele fast nie Horrorvideospiele, weil mir das auf eine bestimmte Art zu intensiv ist.

Aber geht es um Angst bei Horror? Manch einer sagt ja, ich will mich gruseln, deswegen lese ich Horror, aber ich glaube, das ist der falsche Ansatz. Die allermeisten Menschen werden mit der Zeit eher an der Vielseitigkeit und Komplexität des Genres interessiert sein oder sie mögen einfach spezielle Settings.

Gruselt sich echt irgendwer beim siebten Teil der Sawreihe, nachdem er die ersten sechs gesehen hat? Ich denke nicht. Diverse Horror Let's Player haben sich schon geäußert, dass sie natürlich etwas überreacten auf die Spiele und sie vieles einfach nicht mehr packt. Der zwanzigste Jumpscare auf diese oder jene Weise schockt einfach nicht mehr wirklich. Natürlich gibt es Ausnahmen.

Der Wunsch zu gruseln, sollte meiner Meinung nach nicht komplett vergessen werden, aber man sollte sich genauso um andere Themen kümmern. Wie findet man neue interessante Settings? Wie erzählt man eine wirklich gute Geschichte mit wirklich guten Charakteren?

Selbst wenn die Geschichte der Sawteile wirklich schwach ist, hat die interessante Grundidee und die Wendungen (selbst wenn es formal dieselben waren) viele Leute vorm Bildschirm gehalten und natürlich der fantastische Soundtrack.

Und vielleicht geht es auch vor allem darum: Eine Stimmung zu transportieren, eine dunkle Stimmung, die man einfach fast nirgendwo anders findet.

Natürlich könnte man jetzt Geschichten, die nicht direkt mega gruselig sind, einfach als düstere Geschichte abtun, aber da tun sich weitere Fragen auf:
Wie viele Genres will man noch aufmachen und wie sollte man das nennen?
Wer entscheidet überhaupt was gruselig ist?

Ich habe vor Jahren einen Stream gesehen, wo das Spiel The Beginner's Guide gespielt wurde (welches im Übrigen fantastisch ist) und gegen Ende sagte ein Zuschauer: „Das Spiel ist jetzt für mich Horror.“ Mir ist die Aussage im Kopf geblieben (auch wenn sie sicher anders formuliert war), denn auch wenn dieses Spiel wirklich nichts hat, was ich als Horror definiere, kann ich seine Erfahrung ja auch nicht negieren.

Aber nennen wir mal das Kind beim Namen – welche Probleme hat Horror?
- Absurde Abnutzung
- Abwegige Genredefinition
- Schwacher Markt

Absurde Abnutzung

Horror nutzt sich schneller ab als andere Genres. Allerdings kommt es sehr darauf an, wie man Horror sieht, man könnte genauso sagen: Horror nutzt sich am langsamsten ab von allen Genres.
Ich spreche in Rätseln, bringen wir ein wenig Klarheit in die Sache.
Wenn man Horror vornehmlich konsumiert, um sich zu gruseln, um eine Gänsehaut zu bekommen oder sonstiges, dann ist die Abnutzung massiv. Du schaust nicht vier- oder fünfmal denselben Horrorfilm und kriegst Angst, vielleicht maximal zweimal, wenn überhaupt. Und je mehr Horrorfilme du siehst, desto weniger werden die neuen Horrorfilme dich gruseln. Wenn du dann stattdessen Hörbücher hörst, gruseln dich vielleicht auch die ersten, aber danach nutzt sich das ab, bei Spielen genauso, bei Büchern genauso.

Wenn man das Gefühl sich zu gruseln allerdings zum absoluten Zwang macht, ist jeder Autor über kurz oder lang erledigt. Künstliche Schockmomente wie Jumpscares kannst du einfach nicht in ein Buch packen, das ist nicht wirklich möglich.

Gleichzeitig ist Horror aber dadurch extrem vielseitig geworden, da es sich nur an andere Genres dranhängt und diese Genres erweitert. Klar, es gibt Horrorleser, die nur Zombiebücher lesen wollen oder nur was über Monster, aber die allermeisten sind offen für die Vielfalt der Geschichten. Natürlich gibt es hier und da Settings, die auch ich mehr feiere als andere, aber in der Summe bin ich vor allem für die Vielfalt der Geschichten dankbar und das erhält auch mein Interesse.

Aber leider sind viele der Geschichten überhaupt nicht vielfältig. Ich lese Geschichten, wo ich nicht einmal verstehe, warum diese überhaupt geschrieben wurden – nichts ist interessant daran, es gibt keine Pointe, keine Atmosphäre, nichts. Und oft werden immer dieselben Themen behandelt – der frühere Fokus auf Klassiker wie Jeff the Killer hat nur eine Vielzahl an stumpfen Geschichten produziert, die nur selten abwechslungsreich waren.

Aber wie kann man dem nun begegnen: Neue Inspiration!

Einige Creepypasta- und Horrorautoren lesen hier vornehmlich Klassiker, ganz häufig Lovecraft. Manch einer orientiert sich auch eher an moderner Horrorliteratur wie von Stephen King, aber in der Regel bleibt die Inspiration bei King oder Lovecraft, ganz selten noch Edgar Allan Poe. Das ist schon mal ein Schritt weiter als der Durchschnittsdeutsche bei dem Horror bei The Shining anfängt und bei Pet Sematary aufhört. Es ist schon einmal gut, wenn man Lovecraft kennt, aber es ist sicher nicht die einzig valide Inspirationsquelle und es gibt viel neues, was einem viel geben kann. Junji Ito wäre hierfür ein Paradebeispiel. Die Horrormangas geben nochmal in eine ganz andere Welt Einblick. Manchmal lassen sich Leute auch von Mythen und Legenden inspirieren. Trotzdem bleibt hier alles in einem gewissen klaren Rahmen, alles ist irgendwie Horror oder artverwandt.

Ich bin auch ein großer Freund davon, sich mit Texten und Medien zu beschäftigen, die überhaupt nicht im Horror vertreten sind – viele interessante Ansätze kann man ja auch erst außerhalb der Horrorliteratur finden. Wenn man sich mit gewissen Themen sehr gut auskennt, kann man darüber ja auch schreiben und die entsprechenden Settings einfließen lassen. Auch wenn man sich natürlich nicht komplett in dieser Art der „Recherche“ verlieren sollte.

Außerdem ganz einfach das eigene Leben – wenn du natürlich nur zu Hause rumsitzt, dann wird sich da nicht viel Interessantes ergeben, aber wenn du viele Dinge machst, die an sich schon spannend sind, kann man natürlich viel daraus ziehen. Autoren, die ein langweiliges Leben haben, haben leider auch oft langweiligere Texte, ganz besonders, wenn sie wenig lesen.

Kommen wir zum nächsten Thema: Abwegige Genredefinition

Es gibt ein paar konkretere Versuche, Horror zu definieren, aber es gibt auch viele implizite Definitionen und diese sind besonders schwierig zu fassen. Horror ist auf jeden Fall das, was für viele gruselig ist und irgendwie fiktiv ist, so ungefähr lässt es sich zusammenfassen, aber wie soll man für ein Gefühl schreiben, wenn dieses für jeden individuell ist? Ich habe eine weitere Defintion gelesen, damals im Horrorforum, welches leider nicht mehr existent ist. Ich kann das nicht mehr im Detail wiedergeben, aber ungefähr lautete sie so: Düstere Literatur mit übernatürlichen Wesen. Etwas offener ist der Begriff der Weird Fiction, diese umfasst weitere seltsame Spielarten mit den Genres. Thriller sind dementsprechend kein Horror, aber durchaus präsent bei Creepypastas.

Aber all das erklärt nur Horrorliteratur, wie sie von Genrelesern verstanden wird. Viel problematischer ist die Definition in der allgemeinen Bevölkerung, die wohl eher der Genredefintion gleicht als der des Horrors und so natürlich viele Leute abschreckt. Die meisten Horrorromane sind viel subtiler als das und konzentrieren sich oftmals die meiste Zeit auf ganz andere Probleme, wie Familiengeschichten, Einzelschicksale und so weiter und nur ein Bruchteil der Seiten enthält echte Gewalt.

Schwacher Markt

Der Markt in Deutschland für Horror hat einen sehr seltsamen Stand. Zum einen haben wir eine der höchsten Reichweiten auf YouTube zum anderen sind wir in allen anderen Sparten komplett unterrepräsentiert.

Einige Horrorautoren wechseln zu lukrativeren Genres wie beispielsweise dem Thriller, da Horror einfach nicht die Miete zahlt.

Die meisten Menschen können nicht einen einzigen deutschen Horrorautoren nennen, ich habe da mehrere Leute gefragt und da kam nichts. Stephen King ist zwar in jeder Buchhandlung zu finden, aber sonst?

Horrorverlage sind auch eher im Nischenbereich anzusiedeln, Festa veröffentlicht zwar Horrorliteratur, konzentriert sich aber vollkommen auf Übersetzungen. Sonst gibt es keinen Verlag in der Größe, der Horror verlegt, auch wenn es ab und an mal Ausnahmen gibt, ist das Feld doch dünn gesät. Als ich im Thalia in Mannheim sogar ein ganzes Regal nur für Horror fand (also keine Reihe, ein Regal in einer Ecke) war ich schon sehr verwundert und habe mich auch sehr darüber gefreut. Kleinere bis mittlere Buchhandlungen haben so etwas nicht und größere Buchhandlungen auch nur selten. Horror ist Nische und zwar Nischenischenische.

Das steht natürlich auch in Verbindung zu meinen Ausführungen zu Genredefinition – viele Menschen haben einfach ein Bild von Horror, was nur bedingt zutrifft. Durch Creepypastas konnte man Horror viel mehr Menschen zugänglich machen, die sonst maximal Berührungen durch Horrorfilme hatten.

Ich denke weiterhin, dass diese starke Präsenz auf YouTube eine Chance ist, die allerdings viele schlecht oder kaum genutzt haben, die Grabenkämpfe um dümmlichste Creepypastadefinitionen haben da auch nicht wirklich geholfen oder die ewige Leier, dass solche Geschichten nur kostenlos zur Verfügung stehen sollten. Ich hoffe, es wird in Zukunft noch mehr Berührungspunkte geben und dass man durch die lockere Kooperationskultur auf YouTube auch Leute erreicht, die sonst nichts mit dem Thema zu tun haben.

Trotzdem muss ich erwähnen, dass ich glaube, dass im Moment sehr viel mehr Leute von Horrorgeschichten als Hörbuch oder Buch leben können als noch vor einigen Jahren und auf diesem Fundament sollte man aufbauen.

Mehr Zusammenarbeit, mehr Offenheit, mehr Bücher, mehr Hörbücher – einfach mehr Berührungspunkte liefern und nicht nur auf irgendwelchen Verlagsshopseiten verstauben oder in der YouTube-Bubble bleiben. Das würde ich mir wirklich wünschen. Denn Horror ist eines der interessantesten Genres, die es momentan auf dem Markt gibt, also gebt diesem Genre den Platz, den es verdient.

In diesem Sinne: Weitermachen!