Warum hören Creepypasta-Sprecher auf zu vertonen?

Wenn du schon länger Creepypastas verfolgst, kennst du sicher den einen oder anderen Vertoner, der irgendwann einfach verschwunden ist. Düstere Rituale sind allerdings nur selten der Grund dafür.

Manchmal ist das mehr oder weniger über Nacht passiert, wie im Falle von CreepypastaDeutsch, der ja auch ein Forum um das Thema Creepypastas geleitet hat und plötzlich spurlos verschwunden ist. In anderen Fällen war es klar, wenn man die Social-Media-Kanäle genauer verfolgt hat, wie bei Tales of Horror, der zumindest noch auf Twitter aktiv ist.

Ich will hier nicht über individuelle Gründe eines einzelnen Vertoners sprechen, da ich erstens gar nicht alle persönlich kenne und zweitens auch nicht in die Privatsphäre eindringen möchte. Trotzdem möchte ich ein paar Beispiele nennen.

Langeweile

Besonders bei Vertonern, die ihre Geschichten nicht selbst schreiben, kommt es häufig dazu, dass es sie irgendwann einfach langweilt – man entwickelt sich im Sprechen kaum noch weiter, hat keine besonderen Herausforderungen mehr, sondern einfach nur weitere Texte, die eben eingesprochen und geschnitten werden müssen. Speziell das Schneiden ist für viele eine monotone Aufgabe.

So kommt es, dass einige Vertoner mit der Zeit aufhören oder nur noch alle paar Monate mal ein paar Geschichten bringen.

Bei Vertonern, die selbst schreiben, habe ich das Gefühl, dass die Rate niedriger liegt, besonders, wenn sie immer besser werden wollen und sich immer wieder neuen Settings und Themen zuwenden.

Neue Arbeit

Ein weiterer Grund, warum viele Vertoner aufhören, ist schlichtweg, dass sie von der Schule oder dem Studium in einen Job wechseln und dadurch viel weniger Zeit haben. Wenn man unter der Woche 8 Stunden am Tag arbeitet plus Pause plus Hin- und Rückweg, dann ist man mit dem Job häufig mehr als 10 Stunden beschäftigt.

Wenn man da noch Vertonen draufrechnet, dann hat man schnell eine 60-70 Stunden Arbeitswoche, die zwar einige Vertoner stemmen, aber die die meisten eben nicht stemmen können oder wollen. Familie, Freunde und andere Hobbys brauchen einfach auch ihre Zeit.

Es muss aber nicht immer Arbeit sein – auch die Aufnahme eines Studiums kann je nach Fach extrem viel Zeit kosten.

Neue Hobbys und Ideen

Wenn man den YouTube-Kanal nebenbei als Hobby betreibt, ist auch einfach eine Verschiebung der Interessen denkbar – besonders bei sehr kleinen Kanälen passiert das häufiger. Man probiert sich mal für ein paar Wochen aus, aber gibt dann bald auf, weil man sich einer anderen Idee zuwendet.

Ein Beispiel wäre Mythos of Gaming, auch wenn er nicht von YouTube verschwunden ist. Er hat früher ebenfalls Creepypastas vertont, sich aber irgendwann einfach anderen Themen zugewandt, die er seit Jahren erfolgreich bedient.

Andere Gründe

Ein Umzug oder kaputtes Mikrofon können das Vertonen schnell stoppen – nicht jeder kann sich einfach so ein neues Mikrofon für 100-300 Euro kaufen. Und wenn man vorher einen Extraraum zum Aufnehmen hatte, den man nun nicht mehr hat, ist das Vertonen ebenfalls schwieriger.

Private Schwierigkeiten können Leute ebenfalls aus der Bahn werfen – wenn jemand viele Jahre dabei ist, ist klar, dass ab und zu eben was passiert, was einen auch mal deprimiert.

Kommt mein Lieblingsvertoner nochmal zurück?

Ich weiß es nicht – das kommt immer auf den Einzelfall an.

Manche, wie ich oder Devon Wolters, kommen nach einiger Zeit wieder – auch MadameYavi hatte in ihrer YouTube-Karriere mehrere Pausen gemacht. Man muss sich manchmal einfach erholen, neue Kraft tanken und geht dann das ganze Thema nochmal anders an.

Devon beispielsweise vertont nur noch selten Geschichten und fokussiert sich aufs Schreiben weiterer Bücher. MadameYavi fokussiert sich immer mal wieder auf andere Projekte, vertont dann aber wieder regelmäßig.

Es ist von Fall zu Fall unterschiedlich, aber es gibt auch Leute, die sich nach fünf Jahren nochmal am Sprechen versuchen, sag also niemals nie.

Was aber sicher nicht hilft, ist irgendwelche Forderungen zu stellen oder allgemein unfreundlich zu sein. Aber nach ein paar Monaten mal lieb zu fragen, per Mail oder in den Kommentaren kann sicher nicht schaden, solange man es nicht übertreibt.

Wie kann ich verhindern, dass Vertoner aufhören?

Eigentlich gar nicht. Wir machen das ja vor allem freiwillig – natürlich leben einige Vertoner davon, aber man kann ja auch was anderes auf YouTube machen oder sich ein Angestelltenverhältnis suchen.

Aber Vertoner können selbst einige Dinge in Angriff nehmen. Man sollte sich natürlich nicht überarbeiten, aber es auch nicht zu lange schleifen lassen. Das eine brennt einen aus, das andere holt einen raus, und in beiden Fällen ist es danach schwer wieder reinzukommen.

Wer mehr oder weniger vom Vertonen lebt, sollte sich absichern – eine Demonetarisierung, selbst wenn sie zeitlich begrenzt ist, würden die Einnahmen von vielen Vertonern stark reduzieren oder sogar auf 0 senken.

Rücklagen schaffen Zeit, um sich etwas neues zu überlegen. Wenn das ganze Einkommen an YouTube-Werbeeinahmen hängt (und das in einem kritischen Bereich wie Horror), kann man schnell tief fallen.

Kooperationen mit Autoren wären denkbar, falls man nicht selbst schreibt. Wenn man selbst schreibt, sind meiner Meinung nach Bücher eine fantastische Option.

Ganz wichtig auch: Neue Herausforderungen suchen. Und das muss nicht bedeuten, dass man die nächsten 10000 Abonnenten erreichen will oder seine Einnahmen verdoppelt – man kann auch besonders spannende Projekte starten, das Vertonen nochmal anders angehen.

Ins Visuelle sind die Möglichkeiten im Creepypastabereich nahezu grenzenlos und wenn du noch nie geschrieben hast, ist das ebenfalls eine Möglichkeit. Wer keine Ziele mehr hat und dann in ein Tief fällt, erholt sich selten wieder davon.

Vielleicht startet man an eine große Reihe oder versucht sich an etwas völlig neuem, beispielsweise Ritualcreepypastas oder interaktiven Creepypastas. Nur wenn man immer dasselbe macht, fängt man schnell an sich zu langweilen oder auszubrennen.

Aber jeder Vertoner wird selbst am besten wissen, wo er oder sie ansetzen muss, jeder muss selbst seinen Weg gehen. Und wenn sich am Ende jemand gegen YouTube entscheidet und damit glücklich ist, wird vielleicht auch wieder der Platz frei für neue Ideen und Konzepte.


Wenn du selbst mit dem Vertonen anfangen willst, habe ich einen Artikel darüber geschrieben, damit der Start etwas einfacher wird.

Falls du selbst mal eine Creepypasta schreiben willst, findest du hier ein paar Infos und Tipps von mir.