Balduins Weg in den Abgrund | Weltenbruch

Du kannst »Balduins Weg in den Abgrund« auch hier auf YouTube hören.

Balduin lief wie jeden Sonnabend in der Dämmerung durch sein Getreidefeld. Es war Ende Mai. In wenigen Wochen könnte er mit der Ernte beginnen. Gott war seiner Familie gnädig dieses Jahr, aber das hatte Balduin nach einer Spende an die Kirche auch gehofft. Eine gute Ernte, noch ein Sohn, mehr hätte sich Balduin nicht erhoffen können.
Das Rascheln des Getreides beruhigte ihn, der schwache Wind fühlte sich gut auf der Haut an. Er blieb kurz stehen, schloss die Augen und ließ alles auf sich wirken. Dann öffnete er sie wieder und wich erschrocken zurück. Vor ihm war ein Loch im Boden aufgetaucht. Balduin wollte es nicht glauben, aber er konnte sich vor der Wahrheit nicht verstecken: Mitten in seinen Feld war eine Treppe in den Untergrund.
Er sah zur Sonne. Sie verschwand langsam im Westen und es würde bald stockdunkel sein. Kurz überlegte Balduin und stieg vorsichtig auf die Treppe. Einige Sekunden lang ging er hinab in die Tiefe. Es war still, nur seine Schritte hallten von grob behauenen Wänden wider. Aber nach nur wenigen Metern kehrte Balduin um, es war einfach zu dunkel. Er stieg wieder hinaus. Es war mittlerweile stockfinster. Er war doch nur wenige Momente weggewesen? Irritiert kehrte er zurück zu seinem Bauernhaus. Alle schliefen schon im Stroh. Er legte sich zu seiner Frau, schloss die Augen, aber brauchte lange um einzuschlafen.

Als er mit den ersten Sonnenstrahlen aufwachte, war er froh die wirren Träume der Nacht hinter sich zu lassen. Zusammen mit seiner Familie machte er sich fertig und lief mit ihnen zu der Dorfkirche. Der Himmel war wolkenlos, es würde warm werden. Sie betraten die Kirche. Er versuchte die Messe zu verfolgen, aber er konnte sich nicht auf die Worte des Pastors konzentrieren. Hatte er von der Treppe nur geträumt? Es kam ihm alles so seltsam vor. Als die Messe vorbei war und die Familie zurück war, nahm er seine Frau bei der Hand.
»Ich muss dir was zeigen«, meinte er.
»Ich kann vom Kleinen nicht weg«, sagte sie mit dem Kind auf dem Arm.
»Das macht nichts. Nimm ihn mit.«
Sie schritten durch das Feld. Das Kind schrie. Balduin versuchte sich zu orientieren. Wo war die Treppe gewesen? Hier sah ja alles gleich aus. Aber dann, zwischen den sich wiegenden Ähren, sah er den Zugang.
»Da ist es!«
Sie liefen dorthin.
»Was meinst du?«, fragte seine Frau.
»Die Treppe, da!« Er zeigte darauf.
»Was für eine Treppe?« Sie sah ihn an, als wäre etwas nicht mit ihm in Ordnung.
Das machte ihn wütend. »Kannst du das nicht sehen?!«
Genervt wollte er die Treppe hinabsteigen, um es ihr zu beweisen, aber es ging nicht. Als er auf die erste Stufe treten wollte, blieb er in der Luft stehen. Entgeistert stolperte er nach hinten und fiel.
»Balduin? Geht es dir gut?«
»Wie kannst du das nicht sehen?«
»Ich weiß nicht, was du meinst, Balduin. Ich sehe nur unser Feld.«
Balduin rappelte sich wieder auf und trat wieder auf den unsichtbaren Boden und blieb stehen. Er blickte zu seiner Frau, aber sie reagierte nicht. Sie konnte es nicht sehen. »Egal, lass uns gehen«, sagte Balduin und verließ resigniert mit seiner Frau den Bereich. Beim Bauernhaus angekommen, nahm er seinen ältesten Sohn mit, ging mit ihm zurück zur Stelle, aber auch er konnte nichts sehen. Aber es hatte sich ja auch für Balduin etwas verändert. Jetzt konnte er die Treppe nicht mehr betreten. Den ganzen restlichen Tag konnte er sich nicht auf die anfallenden Arbeiten konzentrieren und nach dem Abendessen ging er mit einer Öllampe nochmal zu der Stelle. Rastlos umrundete er den Zugang, bis er einen Schritt darauf zu machte.
Dieses Mal konnte er die Treppe betreten. Er runzelte die Stirn. Schließlich folgte er dem Weg nach unten. Die Lampe warf verzerrte Schatten. Je tiefer er kam, desto wärmer wurde es. Die Treppe schien kein Ende zu nehmen, Schritt um Schritt, Schritt um Schritt, aber Balduin wollte wissen, was da unten war, was ihn dort erwartete. Licht war da unten. Es war so hell, dass Balduin die Lampe eigentlich nicht mehr brauchte. Und es wurde wirklich heiß. Balduin schwitzte stärker als bei der Feldarbeit und wollte umkehren, aber irgendetwas zog ihn weiter nach unten. Das war das erste Mal, dass etwas wirlich Seltsames in seinem Leben passierte.
Als die Hitze langsam unerträglich wurde und der Schweiß schon in Balduins Augen brannte, endete die Treppe in einem Raum, der wie der restliche Gang nur aus Stein bestand. Er hörte ein Rauschen. Am Ende des Ganges war ein Loch in die Wand geschlagen. Er sah sich um. Die Wände waren hier mit Symbolen behauen, die er nicht kannte.
Er wendete sich davon ab und ging auf das Loch zu; vorsichtig steckte er seinen Kopf durch die Öffnung und sah, woher das Rauschen kam. Unter ihm waren Flüsse, kleine und große, aber nicht aus Wasser, sondern feuerrot. Rauch stieg auf. Und dann sah er genau hin. Da waren Menschen, Menschen in Ketten, die dazwischen umherliefen mit gesenkten Köpfen.
»Das ist die Hölle«, sagte eine Stimme hinter Balduin und er erschreckte sich und stieß seinen Kopf an der Öffnung. Benommen zog er den Kopf heraus und sah vor sich einen Mann in sauberer und guter Kleidung.
»Wer bist du? Was willst du?«
Der Mann zuckte nur mit den Schultern.
»Was ist das hier?«
»Die Hölle. Wie ich eben sagte.«
»Aber … ich bin nicht tot.«
»Nein, noch nicht. Du kannst auch wieder gehen.« Der Mann zeigte auf die Treppe. »Aber die Menschen, die da unten sind, die bleiben auch dort.«
»Und du?«
»Ich will gar nicht gehen.«
»Was weißt du über die Hölle?«
»Alles.«
»Warum kann ich diesen Ort betreten und meine Familie sieht ihn nicht mal.«
»Nun …« Der Mann hielt kurz inne. »Weil du in die Hölle kommen wirst.«
»Warum?«
Der Mann zuckte mit den Schultern. »Das ist eben so. Du bist kein guter Mensch.«
»Ich komme auf jeden Fall … ich werde da unten mit diesen Menschen …«
Der Mann nickte.
»Das kann nicht sein.«
»Es ist so, ich kann das nicht ändern. Sonst hättest du den Zugang nicht sehen können.« Balduin schüttelte den Kopf, als würde das die Worte des Mannes ändern.
Er lief an dem Mann vorbei, einfach stur immer weiter nach oben.
Es war später Vormittag, aber er war doch niemals solange dort unten gewesen. Der Schweiß trocknete im Wind, der durch das Feld ging. Er kehrte zu seinem Häuschen zurück, seine Frau erwartete ihn entgeistert, aber er wies sie nur wortlos ab. Er wollte jetzt nicht sprechen, er musste nachdenken.

Die nächsten Wochen versuchte er die Begegnung zu verdrängen und machte bei seinen Spaziergängen durch die Felder einen großen Bogen um die Treppe. Doch sie war immer da, immer in seinem Kopf und der Mann und das Gespräch verfolgten ihn.
Als die Ernte bevorstand, wurde er direkt mit dem Abgrund konfrontiert und seine Albträume von den ewigen Höllenqualen ließen ihn nicht los. Nachdem er das Getreide verkauft hatte – und mehr als einmal die Leute um kleine Summen betrogen hatte – legte er all das Geld zusammen und unternahm in den frühen Morgenstunden eine Reise in die nächstgelegene Stadt. Seiner Frau sagte er nichts, seinen Kindern auch nicht. Er ging einfach los und verschwand. Für wenig Geld mietete er sich ein kleines Zimmer, vertrieb sich die Nächte in Kneipen und Bordellen. Es war ja egal, wenn er schon in die Hölle musste, sollte das alles nicht umsonst sein. Das war eine neue Welt. Die Huren, das gute Essen, das Kartenspiel, der ganze Alkohol. Die schöne Leere, das gute Gefühl. Und er hätte so weiter gemacht, bis er bei einer Hure einen Herzinfarkt bekommen hätte, aber das Geld ging ihm aus. Und schnell wurde er aus seinem Zimmer geworfen und musste mittellos und verkatert den Weg nach Hause bestreiten.
Fast einen Monat war er weg gewesen und als er über seine Türschwelle trat, sah er zuerst seine Frau mit dem Kind auf dem Arm. Sie sah völlig entgeistert aus.
»Wo bist du gewesen? Was hast du mit unserem Geld gemacht?«
»Lass mich in Ruhe.«
»Wir haben gehungert. Wo warst du?«
»IST DOCH EGAL! Gib Ruhe!«
»Du hast uns ruiniert! Verschwindest in der Nacht und …«
Balduin packte seine Frau an den Haaren, zog sie aus dem Haus, sie schrie, das Kind schrie und dann fiel das Kind, fiel auf den Boden, ein Knacken, Blut. Stille.
»Du hast es fallen …«
»MÖRDER!«, schrie sie und ging auf ihn los.
Balduin war benommen, wehrte die Schläge nur ab und dann rannte er, rannte weg, die Schreie dumpf im Hintergrund. Er wusste, sie würden kommen und den einzigen Ort, den er kannte, der sicher war, war der Weg in den Abgrund. Als er ihn erreichte, stolperte die Stufen nach unten, sein Leben war vorbei.
Erst als er ganz unten war, konnte er verschnaufen. Der Schweiß brannte in seinen Augen. Das war sein Leben gewesen. Das Dorf würde ihn jagen, sie würden ihn finden und töten. Daran bestand kein Zweifel. Er würde hier nie wieder rauskommen. Und dann … der Zugang schloss sich. Bevor Balduin reagieren konnte, hörte er hinter sich eine Stimme.
»Ich hatte nicht erwartet, dich so schnell zu sehen, nicht mal dass du wirklich kommst.«
Balduin drehte sich zu dem Mann um.
»Ich hatte ja keine Wahl.«
»Du hattest immer eine Wahl.«
»Du sagtest doch …«
»Du hattest immer eine Wahl. Ich hab gelogen.«
Balduin rannte auf den Mann zu und schlug nach ihm, aber die Faust ging einfach durch hindurch. Irritiert hielt er inne, konnte es nicht ganz fassen.
Der Mann kam ganz nah an Balduin heran.
»Jetzt bist du wütend, aber hat es denn keinen Spaß gemacht, frei zu sein? Du hast dich entschieden mir zu glauben. Du hast diese Huren gefickt, diesen Alkohol getrunken, dein Geld verspielt. Das hättest du nicht tun müssen.«
»Was für eine Freiheit … Du hast mein Kind getötet.«
»Balduin … du hast dein Kind selbst getötet.«