Das ewige Büro | Halverson

Du kannst »Das ewige Büro« auch hier auf YouTube hören.

Das graue Auto von Matthias Reinersmann biegt um 7:45 Uhr auf die gigantische, geteerte Fläche ein. Er braucht einige Minuten, um einen freien Parkplatz zu finden. Offenbar fangen die meisten seiner Kollegen recht früh mit der Arbeit an. Er parkt, steigt aus und geht in die Richtung des großen, aus Backstein gebauten Gebäudes. Es hat gut zehn Stockwerke und scheint nach den Wolken greifen zu wollen.
In der Eingangshalle angekommen nickt er der Empfangsdame zu und stellt sich mit einigen anderen Kollegen, die er mit einem freundlichen »Guten Morgen« begrüßt, in den Fahrstuhl. Im vierten Stock angekommen, steigt er aus und geht in sein Büro. Er hat sogar ein eigenes Zimmer, einen eigenen Schreibtisch und ein eigenes Fenster.
Er richtet sich gemütlich ein, setzt sich und beginnt mit seiner Arbeit. Gestern wurde er bereits von der blonden, noch recht jungen Chefin, Frau Dörth, herumgeführt und eingearbeitet. Er weiß, wo alles ist. Die Toiletten, die Duschen, die Kaffeemaschine, die Kantine. Alles, was man in dem Bürokomplex zum Überleben braucht.
Der Arbeitstag verläuft gut. Er hat immer etwas zu tun, arbeitet die Papiere auf seinem Schreibtisch systematisch ab. Manchmal kommt ein Kollege vorbei, bringt wichtigere Aufgaben und führt mit ihm ein wenig Smalltalk. Sogar die Klimaanlage in seinem Büro kann er nach Belieben regulieren und das Mittagessen in der Kantine schmeckt auch ziemlich gut. Matthias hätte es auf jeden Fall schlechter erwischen können und ist froh bei einem Unternehmen gelandet zu sein, dass sich wirklich um die Angestellten sorgt.
Das ist für ihn wichtig, denn Matthias hat vor Karriere zu machen. Vor einigen Monaten hat sich seine langjährige Freundin von ihm getrennt, mit der er eigentlich geplant hatte eine Familie zu gründen und Kinder zu zeugen. Doch das alles ist ins Wasser gefallen und da es ewig brauchen würde, bis er einer Person wieder so sehr vertrauen kann, hat er sich ein anderes Ziel gesucht.
Gegen 17 Uhr packt er seinen Kram zusammen und geht für ein kurzes Gespräch in den Raum von Steffen Koltz, einem Kollegen, der sein Zimmer neben Matthias Büro hat. Steffen redet sehr wenig und hat eine fahle, käsige Hautfarbe, sieht ziemlich kränklich aus. »Ich mach dann mal Feierabend, Steffen.«
»Hm, ja, viel Glück dabei«, grummelt er zurück.
Matthias findet diese Art ziemlich unfreundlich, aber was soll’s. Bestimmt hat sein Kollege nur viel zu tun oder einfach einen schlechten Tag. Aber auch, wenn er immer so drauf sein sollte, dann ist es in Ordnung. Irgendwo müssen sozial inkompetente Leute ja auch arbeiten und solange er seine Arbeit gut macht, kann Matthias über die mangelnde Höflichkeit hinwegsehen.
Matthias steigt in den Fahrstuhl und fährt in das Erdgeschoss. Vorhin ist dort der Eingangsbereich gewesen, doch nun findet er nur einen weiteren Flur mit unzähligen Büroräumen. Er muss kurz über sich selbst lachen. Anscheinend hat er nur irgendwelche Stockwerke miteinander vertauscht oder es wurde ihm einfach nicht gesagt, dass sich der Ausgang auf einem anderen Stockwerk befindet.
Er geht zurück in den Fahrstuhl und fährt in das Untergeschoss. Es kommt ja oft vor, dass, durch einen Hügel oder sonstige Hindernisse, die Gebäude auf der einen Seite Keller sind, auf der anderen allerdings ganz normal zur Straße führen. Doch in diesem Gebäude ist es nicht der Fall.
Matthias findet sich plötzlich in den Räumen des Archivs wieder, schüttelt verwirrt den Kopf und fährt in das erste Stockwerk. Auch hier gibt es nur einen Flur mit Büroräumen. Ein Blick aus dem Fenster verrät ihm, dass er sich auch tatsächlich im ersten Stock befindet.
Also wieder zurück ins Erdgeschoss, irgendwo wird schon eine Tür nach draußen sein. Ein paar Kollegen blicken ihn verwundert an, als Matthias scheinbar ohne Ziel wieder und wieder durch die gleichen Flure geht und bei jedem Mal ein wenig verwirrter aussieht. Irgendetwas wird er hier vertauscht oder falsch verstanden haben.
Also fährt er wieder zurück in den vierten Stock und trottet zurück in sein Büro. Die Hoffnung, dass er Steffen fragen kann, zerbricht, als er die Tür zum Büro seines Kollegen aufmacht. Offenbar ist er bereits nach Hause gegangen.
Dafür wartet allerdings Frau Dörth in seinem Zimmer.
»Einen schönen guten Abend, Herr Reinersmann. Na, wie haben Sie sich den ersten Tag gemacht? Ist alles so verlaufen, wie Sie es sich vorgestellt haben?« Matthias, der seine Chefin ein Stück weit attraktiv findet und sich nicht blamieren will, entschließt sich nicht nach dem Ausgang zu fragen.
»Ja, soweit alles in Ordnung. Es ist wirklich angenehm ein eigenes Büro zu haben.« »Das glaube ich Ihnen.« Eine kurze Stille breitet sich in dem Zimmer aus und Frau Dörth starrt auf den Boden, als würde sie über etwas nachdenken oder sich schämen, nicht zu wissen, worüber sie reden soll. Dann blickt sie Matthias wieder an. »Haben Sie Hunger? Das Essen in der Kantine ist wirklich angenehm.«
»Ich war dort heute Mittag schon, war wirklich gut.«
»Ach, den Fraß können Sie vergessen. Abends werden die richtigen Geschütze ausgefahren. Kommen Sie mit, ich lade Sie ein.«
Von der Freundlichkeit und Offenheit seiner Chefin verwundert, geht er ihr hinterher. Zu Hause würde er sich eine Tiefkühlpizza in den Ofen schieben, da kommt es ihm ganz gelegen, auf der Arbeit das Abendessen zu sich zu nehmen. In seiner Wohnung wartet niemand auf ihn und ein gutes Verhältnis mit der Chefin aufzubauen kann für die Karriere auch recht nützlich sein. Und dann auch noch kostenlos. Den Ausgang suchen kann er später immer noch, oder er fragt Frau Dörth beiläufig danach.
Trotzdem wundert ihn es, dass seine Chefin ihn so ohne weiteres einlädt. Ihm fällt es schwer in diesem Unternehmen, auf diesem Wirtschaftsast an normale Menschenfreundlichkeit zu glauben. Irgendetwas wird es ihr auch bringen, er weiß nur noch nicht, was genau. Das letzte, das er als neuer Angestellter in einem so vielversprechenden Unternehmen will, ist, als Werkzeug für irgendeine karrieregeile Tusse zu enden.
Das Essen schmeckt tatsächlich viel besser als das vom Mittag. Nachdem die beiden ein wenig über die Arbeit geredet haben, schweigen sie sich eine Zeit lang an. »Vielleicht wirkt es ein wenig komisch, Frau Dörth, aber ich hätte eine Frage.« »Elisabeth, bitte. Was willst du wissen?«
Matthias kommt das plötzliche per Du ein wenig komisch vor. Noch komischer, als die Situation sowieso schon ist. Dass man die Chefin in einem so renommierten Unternehmen direkt am ersten Tag duzen kann, fühlt sich nicht richtig an. Aber er spielt mit. »Ich habe vergessen, wo es rausgeht. Im Erdgeschoss habe ich jedenfalls keinen Ausgang gefunden. Vielleicht kannst du mir – «
»Oh, der Ausgang. Es gibt schon einen Ausgang, allerdings nicht mehr für heute.« »W-wie meinen Sie das?«
»Na ja, ich bin zwar deine Chefin, aber mir gehört das Unternehmen nicht. Ich habe auch einen Chef. Herrn Lindenruth. Und er hat gesagt, dass du erst gehen darfst, wenn du den Papierstapel auf deinem Tisch abgearbeitet hast.«
Matthias fällt jeglicher Ausdruck aus dem Gesicht, als er das hört. Sein Chef hält ihn also gegen seinen Willen in dem Gebäude fest, damit er noch mehr arbeitet? Das kann nicht ernst gemeint sein.
»Darf er das denn? Ich habe heute mehr als acht Stunden gearbeitet und habe ein Anrecht auf – «
»Es ist vielleicht streitbar, ja«, meint Elisabeth und nippt an ihrem Tee. »Aber ob das seinen Zweck erfüllt – ich weiß nicht. Auf jeden Fall wird er dich rausschmeißen, wenn du ablehnen würdest. Mach einfach, was er dir sagt. Das macht einen guten Eindruck.«
Deshalb hat Elisabeth ihn auch zum Essen eingeladen. Damit er gestärkt und zufrieden ist, nur damit er einige Überstunden machen kann. Ein ganz perfides Spiel.
Vielleicht hat er sich doch das falsche Unternehmen ausgesucht, wenn er bereits von Tag eins an derartig ausgebeutet wird.
»Danke für das Essen«, grummelt Matthias vor sich hin, während er seinen Stuhl mit einem lauten Knarzen zurückschiebt und sich auf den Weg in sein Büro machen will.
»Ach, Matthias. Was ich vergessen habe zu sagen.«
Matthias dreht sich wieder um und schaut seine Chefin mit ausdruckslosen Augen an. Er zuckt genervt mit den Schultern, was so etwas wie ›Was ist denn noch?‹ bedeutet.
»Dein Büro darfst du nicht mehr zum Arbeiten benutzen. Ich habe dir einen Schreibtisch im Großraumbüro eingerichtet.«
»Für was soll ich es denn sonst nutzen?«
Seine Chefin blickt ihn für einige Sekunden abschätzend an. Matthias merkt, wie in ihrem Kopf die verschiedenen Antworten hin und her rasen.
»Du solltest anfangen zu arbeiten. Je früher dahin, desto früher davon«, weicht sie aus. Eine unbefriedigende Antwort, aber Matthias hat in diesem Unternehmen von diesen Menschen sowieso nichts anderes erwartet.

Sein neuer Arbeitsplatz ist ein Witz. Statt zwei modernen Flachbildschirmen steht auf dem Schreibtisch ein einziger, alter Röhrenmonitor und der Computer braucht gut zehn Minuten, bis er einsatzbereit ist. Der Schreibtischstuhl ist einer der billigsten Variante. Ein paar Plastikteile, die mit Stoff überzogen und mit Watte gestopft worden sind. Eine Springfeder bohrt sich ihm in den Hintern und macht ein ruhiges Sitzen unmöglich. Er will sich einen anderen Stuhl nehmen, doch der Großteil von ihnen sieht noch viel schlimmer aus.
Er fängt um 19 Uhr an den Papierstapel auf seinem neuen Schreibtisch zu bearbeiten und ist um zwei Uhr fertig. Erleichtert nimmt er die Akten mit in das Büro der Chefin, die merkwürdigerweise immer noch da ist und ebenfalls arbeitet. Als er das Zimmer betritt, blickt sie freudestrahlend auf, als hätte sie den letzten Menschen vor zehn Jahren gesehen.
»Hier, bitteschön«, murmelt er, während er die Akten nicht ganz behutsam auf den Schreibtisch seiner Chefin knallt. Diese schaut ihn wieder mit diesem merkwürdigen Blick an. Dieser Blick, in dem sich nur die Frage Ernsthaft? widerspiegelt.
»Oh, nein. Ich bin dafür nicht zuständig. Du musst es Herrn Lindenruth persönlich vorlegen. Aber geh vielleicht vorher nochmal duschen, da hängt auch immer neue Kleidung für dich.«
»Wo ist sein Zimmer?«
»Neuntes Stockwerk, Zimmer 22. Aber das wird dir nicht sehr viel bringen.«
»Warum?«
»Weil Herr Lindenruth vermutlich schon seit einigen Stunden zu Hause ist. Er kommt jeden Tag um zehn Uhr ins Büro und macht pünktlich Feierabend. Dann kannst du wieder mit ihm sprechen.«
»Und was mache ich jetzt?«
»Nun, du solltest dich erholen. Morgen wird wieder gearbeitet.«
»Also wenn ich es zusammenfasse, mache ich hier Überstunden, habe aber nicht die Erlaubnis das Gebäude zu verlassen und muss hier übernachten?«
»Ja.«
»Ich –« Matthias winkt kopfschüttelnd ab und trottet erschöpft in sein Büro. Tatsächlich hat es sich verändert. Der Schreibtisch wurde rausgeräumt. Es ist jetzt nur noch ein mit Teppichboden überzogener Raum.
Matthias ist jetzt gute zwanzig Stunden wach und mindestens fünfzehn davon hat er gearbeitet. Erschöpft legt er sich auf den Boden, formt aus einem Pullover ein Kopfkissen und deckt sich mit seiner Regenjacke zu. Er schläft sofort ein.

Um fünf Uhr wird er wieder wach. Es lohnt sich nicht mehr nach Hause zu gehen, da kann man genauso gut anfangen zu arbeiten. Nachdem er duschen war und tatsächlich ein Fach mit frischer Kleidung gefunden hat, macht er sich einen Kaffee, geht in das Großraumbüro und schaltet seinen Computer ein. Sein Kopf dröhnt, er fühlt sich, als wäre er in einer anderen Welt. Alles um ihn herum kommt ihm so dumpf und verschwommen vor, als wäre sein Hirn furchtbar weit entfernt.
Fünf Uhr. Acht Stunden Arbeit, also kann er um 13 Uhr Feierabend machen.
Das Großraumbüro füllt sich nach und nach. Nicht erst um sieben Uhr, viele sind schon um halb sechs da. Keiner redet. Es sehen irgendwie alle so aus, als wären sie in dieser fernen Welt gefangen. Einfach arbeiten und dann nach Hause gehen. So schwer ist es nicht. Um zehn Uhr steht Matthias auf und geht in das Stockwerk, das Elisabeth ihm genannt hat. Doch er kommt nicht zum Raum 22. In dem Flur steht eine Menschenschlange, die fast bis zum Fahrstuhl reicht. Sie alle wollen offenbar ihre Akten abgeben, damit sie nach Hause können. Sie alle haben anscheinend das gleiche Schicksal wie Matthias.
Auch der fahle Steffen Koltz steht an. Matthias fragt ihn, wie gut die Chancen stehen heute mit dem Chef zu reden. Steffen nuschelt unfassbar stark, als er antwortet.
»Nicht sehr gut. Der ist immer nur eine Stunde im Büro. Dann kümmert er sich um anderes Zeug. Man muss echt Glück haben.«
»Und wenn man die Erlaubnis nicht bekommt, darf man gar nicht raus?«
»Wie denn? Wenn du mir den Ausgang zeigst, um aus dieser Hölle zu entkommen, dann gebe ich dir alles, was ich habe. Aber es gibt keinen. Ich hab alles abgesucht.«
»Aber es muss doch irgendwo einen Ausgang geben.«
Darauf antwortet Steffen nicht. Er zuckt mit den Schultern und wendet sich dem Rücken seines Vordermannes zu. Auch Matthias stellt sich an. Er wartet mit den Akten unter den Armen für eine Stunde, blickt ständig auf seine Uhr. Doch als es elf Uhr wird, ist er vielleicht gerade mal ein bis zwei Meter vorangekommen und die Kollegen vor ihm drehen fast gleichzeitig um und schlurfen zum Fahrstuhl. Matthias hat keine Erlaubnis bekommen. Anhand der wenigen Meter, die er vorwärts gehen konnte, rechnet er damit, dass gerade mal drei oder vier Kollegen die Erlaubnis bekommen haben. Also schlurft Matthias zurück in das Großraumbüro.
Das Klima hat sich erschreckend ins Negative gewandelt. Die Luft ist unfassbar stickig geworden und die Wärme, bestimmt über dreißig Grad, ist schweißtreibend. Eine Klimaanlage gibt es nicht und anscheinend kann man keines der Fenster öffnen.
Matthias wechselt sich mit den Getränken ab. Mal trinkt er ein Glas Wasser, das immerhin kalt und erfrischend ist, dann wieder eine Tasse Kaffee, der nach jeder Tasse wässriger und langweiliger schmeckt, um wach zu bleiben und weiterarbeiten zu können.
Um 13 Uhr macht er Feierabend, packt seine Sachen erneut zusammen und versucht den Ausgang zu finden. Er fragt so gut wie jeden Kollegen auf seiner Etage, doch entweder ignorieren sie die Frage oder sie wissen ebenfalls nicht wo sich der Ausgang befindet. Irgendwann wird es Abend. Elisabeth kommt in das Großraumbüro und legt Matthias, der seinen Kopf verzweifelt auf seinen Schreibtisch gelegt hat, einen weiteren, großen Stapel Papier auf den Arbeitsplatz. Und wieder lädt sie ihn zum Essen ein.

Dieses Mal betrachtet er in der Kantine die Gesichter der anderen. Sie sitzen zwar gemeinsam am Tisch, doch starren nur vor sich hin und reden nicht miteinander. Nur die blonde Chefin scheint anders zu sein. Sie lacht über alles, was er sagt, auch wenn er verbitterte Kommentare über die Arbeitsbedingungen ablässt.
Das geht mehrere Tage so. Die Arbeitszeit ist unerträglich, der Kaffee schmeckt mies, die Müdigkeit nimmt immer mehr zu und er bekommt Rückenschmerzen durch das Schlafen auf dem Boden.
Irgendwann, es ist wieder ein Abend, an dem Elisabeth ihn zum Essen einlädt, beugt sie sich zu ihm und flüstert in sein Ohr: »Sei um ein Uhr in meinem Büro. Ich habe da eine Überraschung für dich.«
Matthias blickt sie freudestrahlend an. »Darf ich raus?«, platzt es aus ihm heraus. Elisabeth legt ihren Finger an die Lippen und zischt. Es soll ein Geheimnis zwischen den beiden sein. Matthias freut sich riesig auf die heutige Nacht. Dass die anderen nichts davon mitbekommen sollen, spricht dafür, dass er heute endlich wieder nach Hause gehen darf.
Er arbeitet seinen Papierstapel ab, legt ihn zur Seite und geht pünktlich um ein Uhr zum Büro seiner Chefin. Seine Tasche hat er dabei und die Jacke angezogen. Er öffnet die Tür, tritt ein und erstarrt. Vor ihm sitzt seine Chefin auf dem Schreibtisch. Um sich herum hat sie Kerzen angezündet, die das Zimmer in ein warmes, angenehmes Licht tauchen. Ihre blonden Haare, die sie sonst immer zu einem Pferdeschwanz gebunden hat, fallen ihr jetzt wild auf die Schultern. Alles was sie trägt ist eine dunkelrote Reizunterwäsche. Mehr nicht.
»Nimm mich«, raunt sie.
Matthias, der völlig überfordert von der Situation ist, geht einen Schritt zurück. »W-Wie bitte?«
»Nimm mich und verpass mir ein Baby!«
»Was? Nein! W-Warum sollte ich das tun?«
Elisabeth rutscht von dem Schreibtisch herunter und kommt lasziv auf Matthias zu. »Ich möchte mir einen Traum erfüllen«, haucht sie. In ihrer Stimme liegt etwas Irres, etwas nicht Berechenbares.
»Ja, aber nicht von mir«, protestiert Matthias, dreht sich um und greift nach der Türklinke.
»Wir sind hier gefangen, Matthias. Wir sind für immer und ewig in diesem Bürokomplex gefangen. Ich hatte draußen ein Leben. Einen Mann. Wir wollten eine Familie gründen. Und jetzt bin ich hier. Ich kann die Fenster nicht öffnen, ich kann niemanden anrufen, ich kann niemandem von draußen Bescheid sagen, dass ich hier gefangen bin. Die Schlange vor dem Büro meines Chefs ist unfassbar lang. Wenn es hochkommt, lässt er zwei Leute in der Woche raus. Bei einem Gebäude in dem 5000 Menschen arbeiten und jeden Tag neue Angestellte dazukommen. Es gibt keinen Ausweg.«
Matthias seufzt und dreht sich um. »Das habe ich auch bemerkt, aber es ist kein Grund sich vor mir auszuziehen. Wir sind immer noch Kollegen und ich kenne dich doch erst seit einer Woche.«
Elisabeth nickt und die Tränen, die sich langsam in ihren Augen anbahnen, funkeln im Kerzenschein.
»Ich will trotzdem ein Kind großziehen, auch wenn es hier im Büro aufwächst. Hier sind Stifte und Papier zum Malen und man kann Spielzeuge basteln und es gibt Essen und Internet. Es hätte hier alles, was es zum Aufwachsen braucht. Und du bist einfach die beste Wahl. Du bist nicht so hoffnungslos und depressiv wie die anderen. Du wirkst noch menschlich.«
In Matthias Kopf arbeitet es. Er kann sich einfach nicht vorstellen für den Rest seines Lebens in diesem Büro eingesperrt zu sein. Es muss einen Weg hier heraus geben. Es muss einfach.
»Du hast ernsthaft vor in diesem Büro mehrere Jahre zu verbringen? Das ist ein schlechter Witz, oder? Wo sind die Kameras? Wieso verarscht ihr mich?«
»Ich bin seit drei Jahren hier«, antwortet Elisabeth mit einer zugeschnürten Kehle. »Es gibt keinen Ausweg.«
»Auch wenn du hier schon drei Jahre wärst und mich gerade nicht verarscht, dann bist du feige. Ich werde nicht aufgeben. Ich werde einen Weg aus diesem Gebäude finden. Ich will nicht werden wie diese bleichen Roboterkollegen, die sich nicht einmal mehr unterhalten. Ich habe noch Hoffnung hier herauszukommen.«
Mit diesen Worten dreht Matthias sich um, reißt die Tür auf und stürzt auf den Flur. »Und deshalb liebe ich dich.«
Er weiß nicht ob er es sich eingebildet hat, oder Elisabeth tatsächlich ihm ihre Liebe gestanden hat. Wütend rennt er den Flur entlang zu Fahrstühlen. Gibt es in diesem verdammten Gebäude denn nur Verrückte? Eine Woche seines Lebens hat er nun verschwendet, irgendwann ist auch Schluss.
Dann verliert er halt seinen Job, na und? Mit seinen Zeugnissen kann er sich auch überall sonst bewerben.
Wie ein Irrer rennt Matthias durch die Etage, reißt jede Tür auf, um zu kontrollieren, ob sich dahinter der Ausgang verbirgt. Das wiederholt er auf jeder anderen Etage auch. Doch überall findet er nur dieselben Büroräume, die gleichen Teppiche, Tische, Stühle und später, als es wieder Morgen wird, auch die gleichen Menschen. Verwahrloste, hoffnungslose Kreaturen, die sich ohne mit der Wimper zu zucken, damit abgefunden haben, ihr Leben hier zu verbringen. Er wird niemals so werden. Niemals!
Am frühen Morgen fährt er zurück in das Erdgeschoss. Er hat eine Idee. Wenn es keine Tür gibt, die ihn raus lässt, dann muss er einfach durch eines der Fenster fliehen. Keines der Fenster lässt sich öffnen, aber vielleicht kann man sie einschlagen. Wer soll ihn daran hindern? Die Büropolizei?
Er nimmt sich einen Blumentopf mit irgendeiner Pflanze und schmettert sie mit voller Wucht gegen das Fenster. Draußen kann er auf die Straße blicken. Wie die Passanten umher gehen, die Autos, die an dem Gebäude vorbei fahren. Doch niemand scheint ihn zu bemerken. Er versucht es noch einmal. Greift nach dem Blumentopf und schmettert ihn mit voller Kraft gegen das Fenster. Doch alles, was zerbricht, ist der Ton. Am Fenster bleibt nur eine hellrote Staubschicht zurück. Der Abdruck des letzten Versuchs.
Matthias bemerkt, dass es nicht funktioniert. Er sinkt vor dem Fenster auf die Knie und bricht in Tränen aus. Irgendwie muss es doch einen Weg hier raus geben. Irgendwie muss er doch einen Ausweg finden.
Plötzlich spürt er eine warme Umarmung von hinten.

Zwei Jahre später sitzen Matthias und Elisabeth an ihrem Tisch in der Kantine. Um sie herum stochern immer noch die krank wirkenden Kollegen in ihrem Essen herum. Eine handvoll der tausend Gesichter haben sich verändert, es sind die Neuen, die allerdings auch schon nach kurzer Zeit die Hoffnung auf ein freies Leben verloren haben. Aber für Matthias und Elisabeth gibt es auch in Gefangenschaft Träume und Wünsche, die man sich erfüllen kann. Sie unterhalten sich gerade über das neue Computersystem, mit dem beide ein paar Schwierigkeiten haben, doch das Gespräch wird durch ein Weinen unterbrochen. Elisabeth steht auf, geht einmal um den Tisch herum und nimmt das drei Wochen alte Baby auf den Arm. Matthias erhebt sich ebenfalls, stellt sich vor seine Chefin und gibt seinem Sohn zur Beruhigung einen dicken Kuss auf die Stirn.