Du hast die Zahnfee vergessen | Devon Wolters

»Lass das«, sagte Maris zu ihrer Tochter, die an einem ihrer Zähne herumfummelte. »So wird es garantiert nicht besser.«
»Es soll nicht besser werden, er soll rausfallen«, sagte Ellen und ließ die Hand sinken. »Wenn er rausfällt, dann fällt er raus. Aber drück bitte nicht daran herum. Putz dir einfach regelmäßig die Zähne, dann passiert sowas auch nicht mehr.«
»Alle anderen haben schon ein paar Milchzähne verloren. Nur ich nicht.«
Maris seufzte und nahm die Hand ihrer Tochter, drückte sie. »Es ist ganz normal, mit zehn noch alle Milchzähne zu haben. Die anderen sind einfach etwas früh. Mach dir keine Sorgen.«
Ellen zog ihre Hand weg und fuhr damit fort, an dem lockeren Zahn herumzufummeln.
»Lass das«, sagte Maris.
Ellen schüttelte den Kopf.
Sie nahm wieder die Hand ihrer Tochter und hielt sie fest.
»Ellen, warum ist dir das so wichtig?«
Das Mädchen zuckte mit den Schultern. »Lass mich doch einfach, es ist doch nicht schlimm.«
»Aber sowas macht man nicht. Du kannst ruhig warten und bald wird er ausfallen. Aber hilf nicht nach.«
»Er wird doch eh ausfallen.«
Maris drückte wieder die Hand ihrer Tochter. »Deine Mama sagt, du sollst das sein lassen. Also lass es sein. Dann muss deine Mama sich auch keine Sorgen machen.«
»Es ist doch nicht schlimm, er fällt doch –«
»Widersprich mir nicht, Ellen«, unterbrach Maris ihre Tochter. Sie ließ ihre Hand los und diesmal fuhr das Mädchen nicht damit fort, an ihrem Zahn herumzudrücken. »Was ist los, Schatz? Sonst bist du doch auch nicht so. Warum willst du nicht auf mich hören?«
Ellen zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht«, sagte sie. »Du sagst mir ja nicht, warum ich es lassen soll. Du sagst mir gar nichts.«
Maris runzelte die Stirn. »Ich sage dir, dass du es lassen sollst. Mehr musst du nicht wissen.«
»Genau das meine ich, warum soll ich es lassen?«
»Tu einfach, was ich sage.«
»Nein!«, sagte Ellen und stand vom Tisch auf. »Wenn du mir nicht sagst, warum ich es lassen soll, drücke ich so lange daran rum, bis er rausgeht.«
Maris versuchte, sich ihre Wut nicht anmerken zu lassen, und deutete auf den Stuhl. »Du setzt dich jetzt wieder hin und hörst mir zu.«
Kurz wollte Ellen etwas erwidern, aber nickte dann nur und setzte sich.
»Sowas macht man nicht. Das ist selbstverletzendes Verhalten, Schatz. Stell dir vor, du wirst in der Schule weiter daran herumfummeln und er bricht raus. Alles wird voller Blut sein und du wirst den Zahn in der Hand halten. Das wirst du dir selbst zugefügt haben. Und jeder wird es sehen. Das ist abnormes Verhalten. Deshalb sollst du es sein lassen, verstanden?«
Ellen schaute Maris ein paar Sekunden lang an. »Das ist Unsinn«, sagte sie dann. Maris stand auf. »Mach dich fertig. Du musst zur Schule. Vergiss nicht wieder, dir die Zähne zu putzen.«
»Ich sagte, das ist Unsinn.«
»Ja, aber das habe ich nicht gehört, Ellen. Du wirst es sein lassen. Und jetzt mach dich fertig.«
Das Mädchen blieb noch kurz sitzen. Dann stand sie auf. »Ich will wieder zu Papa«, sagte sie und verließ den Raum.


Auf der Fahrt zur Schule sprachen die beiden nicht miteinander. Aber was ihre Tochter gesagt hatte, spukte Maris die ganze Zeit durch den Kopf. Sie wollte wieder zu ihrem Vater. Es war so ein harter Kampf gewesen, ihre Tochter behalten zu dürfen, und jetzt wollte sie wieder zu ihrem Vater. Sie bemühte sich aber, sich nichts anmerken zu lassen. Ihre Tochter machte einfach eine schwierige Zeit durch.
Später holte sie Ellen wieder von der Schule ab und erneut wechselten die beiden kein Wort miteinander. Ellen verkroch sich sofort in ihr Zimmer und Maris bekam sie bis zum Abend nicht mehr zu Gesicht.
Doch irgendwann hörte sie Schritte auf der Treppe und lächelte schon bei dem Gedanken, dass die Scham ihre Tochter aus ihrem Zimmer getrieben hatte, um sich nun zu entschuldigen.
Das Mädchen weinte, als sie ins Wohnzimmer kam. »Mama, es tut mir leid, ich wollte nicht …«, schluchzte sie. Maris’ Lächeln gefror und sie stand auf.
»Was hast du getan?«, fragte sie, obwohl sie es schon wusste.
Ellen stand unter Tränen im Türrahmen, ihr Kinn und ihr Oberteil waren voller Blut, und in der Hand hielt sie den Zahn, den sie sich selbst gezogen hatte.
»Ich habe … Ich … Es tut mir leid …«, schluchzte Ellen und hoffte anscheinend, ein paar versöhnliche Worte zu hören.
Aber Maris ging zu ihr, nahm sie an die Hand und zog sie zum Esstisch, zwang sie auf einen Stuhl und blieb vor ihr stehen. »Ich habe dir doch gesagt, dass du es sein lassen sollst. Merk dir dieses Gefühl. Das passiert, wenn du nicht auf deine Mutter hörst.« »Nein, Mama, der Zahn … Ich … Ich …«
Ellen öffnete die blutbeschmierte Hand und zeigte ihn ihr. Ein kleiner Milchzahn. Aber aus seinen Ende wuchs etwas, das wie ein ein paar Zentimeter langer Nerv aussah. Im Licht glänzte er metallisch.
»Was ist damit?«, fragte Maris.
»Das ist nicht normal«, sagte Ellen unter Tränen.
Maris seufzte, nahm einen Stuhl und setzte sich vor ihre Tochter. »Mach dir deswegen keine Sorgen. Das ist ganz normal. Auch ich habe vor vielen Jahren meine Milchzähne verloren. Jeder ausgefallene Zahn sieht so aus.«
Ellen schüttelte den Kopf. »Nein, nein, es ist nicht normal, Mama, irgendetwas stimmt mit mir nicht.«
»Ach, Schatz.« Maris legte ihre Hand auf die Schulter ihrer Tochter. »Denk sowas nicht. Du bist ein gesundes kleines Mädchen. Du weißt doch gar nicht, wovon du sprichst.«
»Ich fühle mich komisch, Mama. Hier ist alles komisch. Ich will … Ich will zu Papa, nur für ein paar Wochen, wirklich, ich …« Ihre Worte gingen in Tränen unter.
»Es wird alles gut«, sagte Maris. »Diese Zeit ist sehr schwer für dich, aber es ist keine große Sache, wirklich. Weißt du was?«
Ellen hob den Blick. »Was?«
»Du hast die Zahnfee vergessen.«
Die Miene ihrer Tochter erhellte sich. »Die Zahnfee?«
»Ganz genau. So wird es schon gemacht, seit ich klein bin. Du legst den Zahn heute Nacht unter dein Kopfkissen. Und wenn du ganz tief schläfst, dann kommt die Zahnfee. Sie wird den Zahn mitnehmen und dir ein Geschenk dalassen. Klingt das gut?«
Ihre Tochter wischte sich die Tränen weg und nickte. »Das klingt gut.«
»Na siehst du?«, sagte Maris und lächelte das Mädchen an. »Du legst ihn unters Kopfkissen und alles wird gut. Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen, Liebes.«
Ellen nickte nochmal, aber sie wirkte noch nicht so, als wäre wirklich alles gut. »Und mit mir ist nichts falsch?«
Maris schüttelte entschieden den Kopf. »Du bist ein wunderbares Mädchen«, sagte sie. »Du bist gesund. Mach dir keine Gedanken. Alles wird gut.«


Am nächsten Morgen wurde Maris früh wach, machte sich einen Kaffee und setzte sich an den Esstisch, wartete. Es dauerte länger als sonst, bis auch ihre Tochter wach wurde und sich zu ihr setzte. Aber das war in Ordnung.
Irgendwann waren da wieder die Schritte auf der Treppe und Ellen kam ins Wohnzimmer, blieb im Türrahmen stehen.
»Guten Morgen, Schatz«, sagte Maris. »Wie geht es dir?«
Als hätte sie sie mit diesen Worten erst wirklich geweckt, blickte das Mädchen auf und kam zu ihr an den Tisch, setzte sich. Sie fing an, mit ihren Fingernägeln über das Holz zu fahren. »Ich weiß nicht«, sagte sie.
»Du bist noch müde, oder?«
Ellen nickte, fuhr weiter über das Holz. Dann blickte sie auf. »Mein Zahn ist wieder da.« Maris runzelte die Stirn. »Wie meinst du das?«
»Er war ausgefallen, glaube ich. Jetzt ist er wieder da.« Sie öffnete den Mund, um es ihr zu zeigen.
Doch Maris starrte sie bloß an. »Schatz. Du hast keinen Zahn verloren. Das musst du geträumt haben.«
»Doch, Mama, ich glaube schon, ich –«
»Nein Schatz«, unterbrach Maris sie. »Du hast nie einen Zahn verloren. Das weiß ich ganz genau.«
Das Mädchen schaute wieder auf die Tischplatte, nickte. »Stimmt, du hast recht.« Sie fuhr damit fort, mit ihren Fingernägeln über das Holz zu fahren.
»Bitte lass das«, sagte Maris, und Ellen hörte auf. »Ich habe mit deinem Vater gesprochen«, fuhr sie fort. »Er sagt, es ist in Ordnung, wenn du für ein paar Wochen vorbeikommst.«
»Aber ich will nicht«, sagte Ellen. »Ich will bei dir bleiben.«
Maris lächelte. »Gut, dann sag ich ihm ab.«
»Ja, mach das, Mama.«
Maris trank den letzten Schluck Kaffee und stand auf. »Mach dich fertig, Ellen. Und vergiss nicht, dir die Zähne zu putzen.«
»Gut, mach ich«, sagte sie und stand auf, verließ den Raum.
Maris lächelte. Endlich war Ellen wieder ihre Tochter.